Ein
junger, arbeitsloser Künstler wird eingeladen, eine Woche lang auf
einem Fischkutter mitzufahren. An Bord trifft er Addie, genannt
"Kistchen", einen plumpen Kerl mit schnarrender Stimme, der beidhändig
Fische ausnehmen kann, und auf Martin, den schweigsamen Maschinisten.
Das Abenteuer lockt, und die Neugier auf Meer und Fischerleben ist
groß. Statt einander in der Kombüse Seemannsgeschichten zu erzählen,
verbindet die Männer an Bord nur der strikte Rhythmus von Fische
aufspüren, fangen und verarbeiten.
Das Verhältnis zum Nachbarn ist häufig ein
Gezwungenes. Die junge niederländische Autorin Vrouwkje Tuinman widmet
dem unfreiwilligen Zusammenleben ihre eindrucksvollen Notizen.
Von Eva Berghmans, De Standaard, Belgien, 12.12.2008
Der ungehobelte Nachbar ist ein Typ, den man
eher in einer Schmierenkomödie
als in einem zart besaiteten Roman erwartet. Aber dass das möglich ist,
beweist Vrouwkje Tuinman mit ihrem Roman Buurvrouw (Nachbarin). Die
Ich-Erzählerin lässt die Außenwelt nicht wirklich gern in ihre Wohnung,
in ihre Oase der Ordnung und Häuslichkeit in einem vom Abriss bedrohten
Häuserblock.
Die junge Frau liebt ihre Ruhe bis zur
Einsilbigkeit, doch steckt in ihr zugleich eine Journalistin. Ihre
Neugier (oder ist es ihre Einsamkeit?) treibt sie mit Katzenklo oder
Papierkorb in strategisch günstigen Momenten hinaus aus ihrer Wohnung,
um kurz zu sehen, wem die unbekannte Stimme gehört, oder was jemand
beim Altpapier zurückgelassen hat. Was ihr Motiv auch sei, sie
observiert ihre Nachbarn mit einer Intensität, die ihr Interesse zeigt.
Die junge Frau ist empathisch, höflich, manchmal so sehr, dass sie ein
leichtes Opfer für die egozentrischeren Mitbewohner wird. Die spanische
Nachbarin zum Beispiel, die sie nachdrücklich bittet, das Ungeziefer in
ihrer Wohnung zu entfernen helfen und keine Ruhe gibt, bevor die Spinne
nicht im Staubsauger verschwindet, und dieser schliesslich noch
eingeschaltet auf dem Balkon landet. Vrouwkje Tuinman hat Talent für
Slapstick, ganz eindeutig. Das ist auch ihren erheiternden Berichten zu
ihrem Windmühlenkampf abzulesen, den sie beim Vermieter zwecks
Reparatur einer kaputten Treppenhauslampe unternimmt.
In diesem anscheinend harmlosen Buch schleicht
die Gesellschaftskritik durch die Hintertür herein. Eine der schönsten
Geschichten beginnt bei Nummer 7 - die Titel der Geschichten geben
jeweils den Ort in der Nachbarschaft an. In dieser Geschichte zieht ein
türkischer Junge bei seiner Oma ein. Weil seine Mutter meint, dass er
sich nicht benehmen kann. Er ist sieben Jahre alt und schon ein
Sozialfall. Das Schöne ist, dass Tuinman nicht nach den Gründen sucht,
warum dieser Junge von der Schule geflogen ist. Sie zeigt vielmehr, wie
er langsam das Herz dieser jungen Frau erobert, obwohl diese nicht die
geringste Neigung hatte, ihn unter ihre Fittiche zu nehmen. Er freundet
sich mit ihrer Katze an, kommt häufig zu Besuch und benimmt sich
jedesmal gut. Tuinman stellt nicht ausdrücklich die Frage, aber ihr ist
nicht zu entkommen: Liegt das nun an ihm, oder an der Lieblosigkeit um
ihn herum?
Der
Charme dieses Buches, für das Vrouwkje Tuinman für den BNG Neuen
Literaturpreis nominiert wurde, liegt vor allem im Blick der Nachbarin,
der zwischen Mitleid und Nüchternheit schwankt. Mindestens ebenso
wichtig ist der pointierte Stil. Tuinman debütierte 2004 mit Gedichten,
und auch in ihrer Prosa ist die Dichterseele gut zu erkennen. Die
Genauigkeit, mit der sie komponiert und registriert, deckt eine große
Verletzbarkeit auf. Zugleich bewahrt diese Präzision sie vor
Sentimentalität. Ein goldenes Gleichgewicht.